Meyers

Auswanderung über Hamburg nach Brasilien um 1865

aus:

Georg, der Auswanderer

Oder: Ansiedlerleben in Süd-Brasilien
Ilustrirte Schilderungen zur Erwägung für Wanderlustige
[Rudolstadt, 1869]
Zweiter Abend [Seite 30-38]

Ich habe Euch am Sonntage erzählt, daß ich mich in Hamburg nach Brasilien einschiffte. Wie ich dorthin kam und wie ich in der alten Stadt untergebracht wurde, was wir für Proviant auf das Schiff bekamen, das weiß ich wol so ziemlich noch; aber es könnte keinem so viel nützen, wenn ich es erzählen wollte; es hat sich in den letzten zehn Jahren so viel daran geändert.
Doch will ich nur Eines erwähnen; dazumal ging fast der ganze Auswandererzug über Hamburg; ganz besonders aber alle sogenannten Parcerie-Kolonisten, wie ich einer war. Was damals andere Häfen an Auswanderern nach Brasilien beförderten, war nicht der Rede werth; das war für Hamburg, so reich es ist, ein ganz artiger Gewinn. Ich weiß nicht, wie es kam, daß es seitdem mit Hamburg anders geworden ist; vielleicht hat man zuviel verdienen wollen. Von uns hatte jeder Erwachsene 70 Thaler = 120 Fl. Rhn. Passagegeld zu entrichten, was zwar augenblicklich unsere Gutsbesitzer für uns auslegten, aber doch von uns später zurückerhalten mussten.
Oder es liegt die Schuld darin, daß die Hamburger reichen Kaufherren und Schiffsrheder nicht fortfuhren, regen Antheil an der brasilianischen Kolonisation zu nehmen, wie sie zu den Glanzzeiten der Gründer von Dona Francisca gethan. Wahr ist es, daß diese Kolonie nie etwas tragen wird; aber die Schuld liegt an der unpraktischen Art ihrer Gründung und das kann doch kein Beweggrund sein, die Betheiligung an der Kolonisation überhaupt aufzugeben; Lehrgeld muß ja Jeder zahlen. Ich wüsste schon ein System, das zu gleicher Zeit für die Actionäre einträglich wäre und schnellen, blühenden Wohlstand für die Kolonisten zur Folge haben müßte.
Dem sei, wie ihm wolle; Thatsache ist und bleibt es, daß die Auswandererbeförderung über Hamburg bedeutend abgenommen hat und daß das so viel kleinere Antwerpen ihm vollständig den Rang abzulaufen scheint.
Der Mensch hängt im Allgemeinen an dem, was er erprobt hat, und so liebe ich Hamburg, weil ich es kenne, und hege eine Vorliebe für die Beförderung von dort aus, weil ich sie mitgemacht und so an mir selbst kennen gelernt habe, und ich muß sagen, die Verpflegung war reichlich und die Behandlung gut.
Dieser Vorliebe ungeachtet kann ich aber nicht blind bleiben gegen die Vorzüge, welche die Beförderung über Antwerpen bietet, und ich wäre kein ehrlicher Mann, wenn ich sie verschwiege.
Für's Erste befördert gegenwärtig in Hamburg nur das Rhederhaus Robert Sloman Auswanderer nach Brasilien, wenigstens so viel ich davon weiß. Auch dieses Haus richtet nur Fahrten nach den Kolonieen Blumenau und D. Francisca ein, wobei den Passagieren auf den Grund hin, daß die brasilianische Regierung diesen Kolonieen einen beträchtlichen Reisezuschuß per Kopf bewilligt, die Preise ziemlich niedrig, nämlich auf 53 Thaler preuß. für jede Person aus dem Bauern-, Arbeiter und Handwerkerstande über 50 Jahre, für jede dergleichen Person von 10 bis 50 Jahren auf 28 Thaler und für jedes Kind von 1 bis 10 Jahren auf 12 Thaler, berechnet werden.
Auch nach Rio Grande do Sul, wo die Provinzregierung ebenfalls bedeutende Reisevergütungen leistet, sendet dieses Haus von Zeit zu Zeit ein Schiff.
Im Allgemeinen gilt die Regel, daß die norddeutschen Auswanderer, die Pommern, Märker, Sachsen, ja selbst die Böhmen usw. am besten thun, über Hamburg zu gehen, wenn sie sich für St. Katharina, Blumenau, D. Francisca oder Rio Grande do Sul entscheiden. Den der Elbe nahe wohnenden Auswanderern kommt der Transport auf diesem Flusse ganz besonders zu statten, sowohl wegen der Wohlfeilheit der Fracht und der Personen-Preise, als auch deshalb, weil ihre Bagage gleich vom Flußschiffe auf das Seeschiff verladen werden kann, also das vielfache herumwerfen auf den Bahnhöfen und Frachtwagen erspart wird.
Wollen die Leute aber nur nach Brasilien überhaupt, ohne sich an eine bestimmte Kolonie zu binden, oder nach irgend einer Regierungskolonie, so ist leider der obenangedeuteten Ursachen wegen heutzutage der Transport über Hamburg zu theuer und der Unterschied in der Seepassage, welche man gegenwärtig über Antwerpen bezahlt, wiegt die erhöhten Kosten der Landreise wenigstens für alle Diejenigen auf, die westwärts der Werra wohnen.
Will aber Jemand nach einem der drei genannten Plätze über Hamburg gehen, so möge er sich schriftlich an die Herren Donati und Comp., Schiffs-Expedienten in Hamburg, unmittelbar oder an die nächstgelegene Agentur derselben, wenden, welche die Einzigen sind, die für Herrn Robert W. Sloman's Schiffe Passagiere aufzunehmen befugt sind. Herr Donati ist durch langjährige Erfahrungen mit dem Auswanderer-Expeditionswesen sehr bekannt und erfreut sich überall eines sehr günstigen Rufes; es wird gewiß alles Mögliche anwenden, um den Auswanderern und ihren Wünschen gerecht zu werden.
Thatsache ist es, daß über die Sloman'schen, von Donati und Comp. Expedirten Schiffe bis jetzt keine Klage vorgekommen ist, wol aber häufig Danksagungen an die Firma einließen oder in Zeitungen veröffentlicht wurden.
In Hamburg bestehen sehr strenge Verordnungen, die Passagiere, ihre Behandlung und Verköstigung während der Seefahrt betreffend. Für jeden Passagier muß auf dem Verdeck 12 [Quadrat] Fuß Raum sein und die Bettstellen müssen 6 Fuß lang und bei vier Mann ebenso breit sein. Besonders gut muß die Ventilation besorgt und für mehr als 125 Personen müssen vier Abtritte vorhanden sein. Proviant muß auf der Reise nach Brasilien für 13 Wochen an Bord genommen werden. Der Proviant muß bestehen für jede Person aus:
32 1/2 Pfund gesalzenes Ochsenfleisch oder 24 Pfund gesalzenes oder 16 1/4 Pfund geräuchertes Schweinefleisch,
13 Pfund gesalzener Speck,
65 Pfund Weißbrod (Zwieback), wovon 10 Pfund Schwarzbrod sein dürfen,
4 7/8 Pfund Butter,
45 1/2 Pfund Weizenmehl, Graupen, Erbsen, Bohnen, Reis, Pflaumen, Sauerkraut,
6 1/2 Spint Kartoffeln oder 6 1/2 Pfund trockenes Gemüse, wenn sie nicht haltbar sind,
1 1/2 Pfund Sirup,
1 Pfund Kaffee,
1/4 Pfund Thee,
2 Quart Essig,
1 1/3 Qrhoft Wasser,
ferner noch für Kranke und Kinder ein hinreichendes Quantum Wein, Zucker, Sago, Grütze und Medicamente; an Feuerung zum Kochen für 100 Passagiere 2 Last Steinkohlen und 2 Faden Holz;
ferner Besen und Weinessig zum Räuchern des Zwischendecks;
das nothige Brennöl für 2 starke Laternen im Zwischendeck.
Dabei werden im Raum, Proviant und Ausrüstung 2 Kinder unter 8 Jahren für einen Passagier gerechnet; Säuglinge unter 12 Monaten zählen nicht. Darum ist es für die Auswanderer durchaus nöthig, Taufscheine mitzubringen.
Der Expedient muß das Schiff versichern lassen, damit, falls das Schiff ein Unglück treffen sollte, die Passagiere untergebracht und verköstigt und endlich an ihr Ziel geschafft werden.
Ferner ist der Expedient schuldig, den angegebenen Abfahrtstag genau einzuhalten, oder die Passagiere an Bord oder am Lande unterzubringen und zu verköstigen, oder ihnen per Kopf für jeden Tag der Verzögerung 12 Schillinge H. Crt., was gleich 9 Silbergroschen ist, zu bezahlen.
Die abgeschlossenen Contrakte müssen den Passagieren, wenn sie es verlangen, in deutscher Sprache gegeben werden. Hat der Passagier Beschwerden vor Abgang des Schiffes, so muß er sich an den Polizeiherrn in Hamburg wenden; nach der Reise wendet er sich an das nächste hamburgische Consulat. In Hamburg besteht ferner eine Behörde zum Schutze der Auswanderer, in deren Bureau (Erste Vorsetzen im Hafen No. 3) der Auswanderer alle Auskünfte und Belehrung, deren er bedarf, erhält. A uch auf dem Bahnhofe, sowie an der Harburger Landungsbrücke schon findet sich ein Zweigbureau.
Um aber die Auswanderer vor Prellereien in Hamburg zu bewahren, erhalten sie schon auf der Eisenbahn die Karte dieser Behörde, worauf ihnen mitgetheilt wird, daß beeidigte Beamte ihnen unentgeltlich Auskunft gehen über: Die besten Logirhäuser für Auswanderer sind folgende: Diese Logirhäuser haben 3 Classen Verpflegung und Unterkunft und zwar:
      I. Classe.
Preis für Erwachsene 1 Mark 8 Schillinge Crt. = 18 Sgr. [Silbergroschen]
Gegeben wird:
Ein gutes Bett.
Des Morgens: Kaffee mit Zucker und Milch nebst Weißbrod;
Mittags: Suppe, Gemüse, Braten usw.;
Nachmittags: Kaffee mit Zucker und Milch nebst Weißbrod;
Abends: Kaffee oder Thee mit Zucker, Milch, Weißbrod, oder stattdessen warmes Essen.

      II. Classe
Preis für Erwachsene 1 Mark 2 Schilling = 13 1/2 Sgr.
Gegeben wird:
Ein Bett.
Des Morgens: Kaffee mit Zucker und Milch nebst Weißbrod;
Mittags: Suppe, Gemüse, Fleisch;
Nachmittags: Kaffee, Zucker, Milch, Weißbrod;
Abends: Thee oder Kaffee mit Zucker und Weißbrod.

      III. Classe.
Preis für Erwachsene 14 Schilling Crt. = 10 1/2 Sgr.
Gegeben wird:
Ein Nachtlager (Matratze).
Des Morgens: Kaffee mit Zucker und Milch nebst Weißbrod.
Mittags: Suppe, Gemüse, Fleisch;
Abends: Thee oder Kaffee mit Zucker, Milch und Weißbrod.
Diese Preise gelten für je 24 Stunden; doch ist auch noch Beleuchtung und Heizung einberechnet. Fällt ein oder die andere Mahlzeit auf Wunsch des Gastes aus, so muß er sich desfalliger Preisermäßigung wegen vorher mit dem Wirthe verständigen. Verlangt der Gast mehr, so muß das ebenfalls vorher abgemacht werden.
Es wird überdiese dem Auswanderer dringend empfohlen, sich sofort mit dem Wirthe über die Classe, in welcher er aufgenommen werden will, zu verständigen.
Was die Taxen betrifft, für welche das Gepäck des Auswanderers von Bahnhofe oder der Landungsbrücke nach den Logirhäusern gebracht wird, so bestehen die festen Preise von 4-5 Schilling = 3 und 3 Sgr. Per 100 Pfund Zollgewicht.
Für den Transport des Gepäcks aus den Logirhäusern an Bord der Schiffe zahlt man 6 Schilling oder 4 1/2 Sgr. Pr. 100 Pfund, und fährt der Auswanderer zugleich mit seinem Gepäck, so bezahlt er per Kopf 1 Schilling oder nicht ganz einen Silbergroschen. Doch möge der Auswanderer stets persönlich beim Auf- und Abladen seines Gepäcks zugegen sein. Zum Ueberflusse führe ich noch an, daß in Hamburg nach Mark und Schilling Crt. Gerechnet wird; 16 Schilling machen eine Mark und 2 Mark 8 Schilling oder 40 Schilling einen preußischen Thaler.
Das für die Auswanderer nöthige Blechgeschirr an Bord kostet durchschnittlich: Was die Fahrpreisermäßigung für Auswanderer betrifft, so beträgt dieselbe auf fast allen deutschen Eisenbahnen 1 Viertel bis 1 Drittel des Fahrpreises III. Classe. Zwei Kinder unter 14 Jahren zählen für einen Erwachsenen. Fener hat jede Person über 12 Jahre 100 Pfund Gepäck frei. Uebergewicht zählt Eilguttaxe, wird aber als Gepäck befordert. Dagegen zählen auf der Strecke Berlin-Hamburg die Erwachsenen die volle Fahrtaxe und nur Kinder unter 12 Jahren fahren frei. Jede Person über 12 Jahre hat 100 Pfund frei; Ueberfracht zählt die Normaltaxe, geht aber als Passagiergut.
Die Eisenbahnen des Norddeutschen Eisenbahnverbandes gewähren ermäßigte (um wie viel, ist nicht ausgesprochen) Fahrpreise und Kinder unter 10 Jahren werden um die Hälfte des ermäßigten Fahrpreises befördert. Jeder Erwachsene hat 100 Pfund, jedes Kind bis zu 10 Jahren 50 Pfund Freigewicht; sonst gilt Eilguttaxe.
In Bezug auf die Elbschifffahrt ist mir leider nicht möglich gewesen, irgendetwas Näheres zu erfahren.
Das Essen an Bord wird vom Schiffskoch gekocht, der Empfang der Lebensmittel, das Einwässern des Fleisches, das Waschen und Schälen der Kartoffeln usw., sowie auch die Wäsche besorgen die Auswanderer selbst.
Der Speisezettel steht ungefähr folgendermaßen fest:
Sonntag 1/2 Pfund Ochsenfleisch, Pudding und Pflaumen
Montag 1/2 Pfund Schweinefleisch, Erbsensuppe oder Sauerkraut
Dienstag 1/2 Pfund Ochsenfleisch, Graupen oder Linsen
Mittwoch 1/2 Pfund Ochsenfleisch, Reis mit Sirup
Donnerstag 1/2 Pfund Ochsenfleisch, Pudding mit Pflaumen
Freitag 1/2 Pfund Schweinefleisch, Erbsensuppe oder Sauerkraut
Sonnabend 1/2 Pfund Ochsenfleisch, Linsen oder Bohnen
Die Wochenration besteht in 5 Pf. Weißen Zwiebacks, 3/8 Pf. Butter, Morgens Kaffee, Abends Thee; die Männer erhalten Vormittags ein Glas Branntwein. Reichlich Wasser.
Ich muß hier noch die Bemerkung machen, daß die Hamburger Schiffseigenthümer und Seebehörden bei Feststellung des Speisezettels mehr auf Matrosen- oder doch norddeutsche Mägen gerechnet haben, als auf süd- und selbst mitteldeutsche. Die Leiden der Seekrankheit werden wahrlich nicht vermindert, wenn man das sogenannte Schweinefleisch mit Erbsensuppe essen soll, was nichts als ein tüchtiges Stuck Speck mit Erbsen gekocht ist. Und einen Schiffspudding zu schlucken, einen sogenannten Mehlbüdel, dazu eignen süddeutsche Kehlen sehr wenig; geschweige Reis mit Sirup.
Damit dürfte Alles erwähnt sein, was mir von Hamburg und dessen Art der Beförderung von Auswanderern bekannt ist.
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